Überblick von Anna Messner

Das pädagogische Konzept der Lindenschule beruht v.a. auf den Erkenntnissen und der Praxis von Maria Montessori, Rebeca und Maurizio Wild, den Forschungen des Entwicklungspsychologen Jean Piaget und des Biologen Umberto Maturana.

Die Pädagogik von Maria Montessori

Maria Montessori hat in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts als eine der Ersten gesehen, das dass die Erziehung von Kindern nicht über Dressur gelöst werden muss, sondern dass Kinder, indem sie spontan ihen eigenen Wachstums- und Aneignungsimpulsen folgen, ihr "eigener Baumeister" sind.

Auf Grund ihrer Beobachtungen kam sie zu einer ersten Beschreibung von sensiblen Phasen in der kindlichen Entwicklung, die von dem Erwachsenen respektiert werden müssen, wollen sie das selbsttätige Wachstum der Kinder nicht behindern. Um den Kindern Räume zu bieten, in denen sie ungestört ihre Erfahrungen machen und verarbeiten können, entwickelte sie eine vorbereitete Umgebung, in der sich die Kinder sicher, frei und selbständig bewegen konnten und in der sie bei der Arbeit mit verschiedensten Materialien - heute als "Montessorimaterialien" bekannt - im eigenen Rhythmus ihre Verständnisstrukturen aufbauen konnten.

In ihrer Arbeit mit Kindern definierte Maria Montessori die Rolle der Lehrer entscheidend um. Sie waren nicht mehr die Vermittler von Wissensinhalten und Disziplin, sondern die Begleiter der Kinder, die ihre inneren Prozesse respektieren, ihnen mit Liebe und klaren Grenzen begegnen und ihnen den Raum ermöglichen, um ihre Fähigkeiten zu erproben, zu erweitern und zu vertiefen.

Die Entwicklungspsychologie des Jean Piaget

Jean Piaget hat sein gesamtes wissenschaftliches Leben der Entwicklungspsychologie von Kindern gewidmet und gilt auch heute noch als der wichtigste Forscher auf diesem Gebiet. Er beschreibt in seinen Büchern akribisch, wie Kinder ihre kognitiven und sozialen Verständnisstrukturen aufbauen. Zentral sind dabei die von ihm beschriebenen Phasen des operativen, formalen, und konnotativen Lernens.

Schon Maria Montessori beschreibt die wellenartige Entwicklung der kindlichen Lernprozesse. Jean Piaget hat diesen Aufbau der Wirklichkeit über die Begriffe Anpassung, Akkomodation, Assimilation und Strukturierung noch genauer beschrieben und damit deutlich gemacht, wie zentral das Vernetzen von Handeln und Sprechen, Aktivität und Ruhe, äußerer Erfahrung und innere Verarbeitung für das selbständige Lernen sind.

Jean Piaget war auch einer der ersten Entwicklungspsychologen, der den Wert des freien Spiels für die kindliche Entwicklung erkannt hat. Im freien Spiel können Kinder ihr Verständnis von Welt authentisch entwickeln, versprachlichen und in der Kommunikation mit ihren Spielgefährten verändern. Das freie Spiel erlaubt es Kindern, sich schmerzhaften Erfahrungen oder bedrohlichen Emotionen zu stellen und sie zu verarbeiten.

Im sozialen Leben von Kindern und in ihrem Aufbau von Verständnisstrukturen spielt das von Jean Piaget beschriebene Phänomen der kindlichen Egozentrik eine wichtige Rolle. Es ermöglicht Kindern, Erlebtes auf der jeweils eigenen Ebene zu verarbeiten und zu integrieren.

Die nichtdirektive Erziehung von Rebeca und Mauricio Wild

Rebeca und Mauricio Wild haben vor etwa 25 Jahren begonnen, eine "aktive Schule" aufzubauen. In ihrer Arbeit mit Kindern und schliesslich auch Jugendlichen haben sie die Einsichten von Maria Montessori immer weiter vertieft und die Forschungsergebnisse von Jean Piaget in die Praxis umgesetzt.

In ihrer Schule haben sie die vorbereitete Umgebung, wie sie von Maria Montessori vorgeschlagen und entwickelt worden ist, um Räume erweitert, in denen die Kinder und Jugendlichen ihren Bedürfnissen nach freier Bewegung, nach konkreten Erfahrungen mit unstrukturierten Materialien, oder nach Gesprächen untereinander nachgehen können.

Rebeca und Mauricio Wild haben dem freien Spiel seinen zentralen Ort in der kindlichen Entwicklung auch im Schulalltag zurückgegeben, indem sie die vorbereitete Umgebung so gestalten, dass es den Kindern jederzeit ermöglicht wird. Sie haben mit ihrer Arbeit gezeigt, dass die von Jean Piaget bechriebenen Entwicklungsetappen von Kindern nur voll ausgelebt werden können, wenn wir ihnen so viele konkrete Erfahrungen wie möglich erlauben und wenn wir ihren Rhythmus der Verarbeitung von Erfahrungen respektieren.

Das Ehepaar Wild hat zudem deutlich gemacht, dass eine "nichtdirektive Erziehung" und die vorbereitete Umgebung für Kinder und Jugendliche nicht auf das Klassenzimmer oder die Schule begrenzt sein müssen - im Gegenteil. Die nichtdirektive Erziehung führt zu einer engen Zusammenarbeit zwischen Familie und Schule und umfasst das gesamte Leben der Kinder und Erwachsenen, die es begleiten.

Die biologischen Erkenntnisse von Umberto Maturana

Rebeca und Mauricio Wild haben ihre pädagogischen Einsichten in Zusammenhang mit den Erkenntnissen des chilenischen Biologen Umberto Maturana gebracht und weiter ausdifferenziert.

Maturana beschreibt in seinen Studien, wie sich lebendige Organismen über "Autopoesis" (=Selbstgestaltung) schaffen und entwickeln. Leben entsteht nach Maturana durch einen von Innen gesteuerten Austauschprozess mit einem chaotischen Außen. Diesen Prozess von Innen nach Aussen zu respektieren heisst für Rebeca und Mauricio Wild "Lebensprozesse zu respektieren".

Maturana ist einer der modernen Biologen, die ihre Erkenntnisse in Zusammenhang bringen mit anderen Wissensgebieten, wie etwa der Systemtheorie, und der konkreten Organisation unserer Kultur. Daher scheut er sich nicht, von der Liebe (als Respekt vor dem Anderen) als Grundlage aller Entwicklung von Leben zu sprechen.

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